Grüne Stadt der Zukunft – Klimaresiliente Quartiere in einer wachsenden Stadt

Keynote von Dr. Simone Linke, Stadtplanerin und Research Fellow an der TU München

In der zweiten Keynote stellte Dr. Simone Linke vom Lehrstuhl für energieeffizientes und nachhaltiges Planen und Bauen an der TU München das Projekt „Grüne Stadt der Zukunft – Klimaresiliente Quartiere in einer wachsenden Stadt“ vor. Anhand der Eingangsfrage „Wie wollen wir leben?“ wird deutlich, dass zwar deren Beantwortung einfach, aber die Umsetzung schwierig ist. Am Beispiel der Stadt München wird deutlich, dass viele Straßenzüge heute nicht der gewünschten Zukunft entsprechen. Die Stadt steht vor zwei großen Herausforderungen. Zum einen der Temperaturanstieg als Folge des Klimawandels. Von 1981 bis 2010 gab es im Durchschnitt 8,4 Hitzetage mit mehr als 30 Grad Celsius. 2100 könnte es bereits 44 Hitzetage sein. Aber auch die Nächte werden wärmer. Sind es heute im Durchschnitt 4 tropische Nächte mit mehr als 20 Grad Celsius, könnten es in Zukunft bereits 14 sein.

Zum anderen spielt auch das Bevölkerungswachstum eine Rolle. Bis 2040 ist ein weiterer Zuwachs von 16 Prozent zu erwarten. Vor diesem Hintergrund hat sich das Forschungsprojekt mit der Frage befasst, wie grüne Infrastruktur zur Klimaregulation in wachsenden Städten beitragen kann. Das Projekt „Grüne Stadt der Zukunft“ verfolgt dabei einen ganzheitlichen Ansatz aus verschiedenen Perspektiven und forscht dabei anhand von verschiedenen Reallaboren.

Im Rahmen des Vortrags wurde insbesondere das Sanierungsgebiet Moosach und der Klima-Grüngürtel vorgestellt. Des Weiteren wurden die Potenziale grüner und grauer Infrastruktur, der Umgang der Stadtgesellschaft mit Hitze und Dichte sowie die Integration von grüner Infrastruktur in Planungsprozesse beleuchtet. Für das Sanierungsgebiet Moosach mit einem hohen Baumbestand aber auch viel ruhendem Verkehr wurden verschiedene Entwicklungsszenarien zur Nachverdichtung erprobt. Diese zeichnen sich durch Aufstockung oder Zeilenschluss, Gebäudehöhe sowie den Umfang von Stellplätzen aus, wobei die Errichtung von Tiefgaragen Einfluss auf den Erhalt der Bestandsvegetation (Baumbestand) hat.

Anhand der verschiedenen Szenarien wurden dann die Auswirkungen auf das Mikroklima untersucht. Wird beispielsweise das Bestandsgebäude aufgestockt, der Baumbestand zu 100 Prozent erhalten und nur eine Tiefgarage errichtet, kann die gefühlte Temperatur an Hitzetagen sogar um 0,9 Grad gesenkt werden. Werden nur 53 bis 65 Prozent des Baumbestandes erhalten und vier Tiefgaragen errichtet, erhöht sich die Temperatur bereits um 1,3 bis 1,7 Grad. Werden hingegen im „Worst Case“ alle Bäume gefällt, um dafür acht Tiefgaragen errichten zu können, steigt die gefühlte Temperatur aufgrund der fehlenden Kühlfunktion des Baumbestandes bereits zwischen 4,9 bis 5,3 Grad an. Dieser Temperaturanstieg kann auch in den nächsten Jahrzehnten nicht durch Neuanpflanzungen kompensiert werden. Letztendlich ist die Reduzierung des Stellplatzschlüssels ein entscheidender Faktor. Zudem wurde die Durchlüftungssituation im Quartier bei Nachverdichtung untersucht. Dabei zeigt sich, dass sich der Volumenstrom bei Nachverdichtung um bis zu 25 Prozent verschlechtern kann. Begrünung hat auch positive Auswirkungen bei Starkregenereignissen. Denn es ist davon auszugehen, dass die Niederschlagsintensität durch den Klimawandel um ca. 25 Prozent zunehmen wird. So konnte gezeigt werden, dass ohne zusätzliche Maßnahmen zur Begrünung bei künftigen Starkregenereignissen nicht mal die Hälfte des Niederschlags im Quartier versickern oder gespeichert werden kann. Werden hingegen im Zuge der Nachverdichtung entsprechende Maßnahmen zur Begrünung getroffen oder weniger Fläche versiegelt, könnte sogar bis zu 83 Prozent des Niederschlags versickern und gespeichert werden. 

Fazit: Grün kann Hitze und Starkregen regulieren, aber „Grün“ ist nicht gleich „Grün“. Entscheidend ist Diversifizierung von Grün im Sinne von Qualität vor Quantität. Elementar ist der Großbaumbestand und die strategische Platzierung von Bäumen in Hitzehotspots und außerhalb von Durchlüftungsachsen. Angesicht der Potenziale grüner Infrastruktur kann auch die graue Infrastruktur einen Beitrag leisten. Demnach ist die Gebäudesanierung dem Ersatzneubau vorzuziehen. Neben einer kompakten Bauweise, die den Heizenergiebedarf senkt, tragen auch ökologische Baustoffe zur Senkung der Grauen Energie und Emissionen bei. Nicht zuletzt tragen auch passive Maßnahmen wie Beschattungssysteme in Kombination mit Gebäudebegrünung zur Gebäudekühlung bei.

Im Umgang mit Hitze und Dichte stellt sich heraus, dass 81 Prozent der Münchner Stadtgesellschaft den Grüngürtel zumindest gelegentlich nutzt, um dem Lärm und den Menschenmassen in der Stadt zu entkommen. Der Grüngürtel wird vor allem genutzt, wenn er sich in Wohnortnähe befindet, an Hitzetagen vor allem in Kombination mit Bademöglichkeiten. Der Grüngürtel spielt vor allem für ältere Menschen eine wichtige Rolle, während vulnerable Gruppen (Geringverdienende, mobilitätseingeschränkte) Menschen bei Hitze in der Stadt bleiben. Deshalb kann der Grüngürtel innerstädtische/wohnortnahe grüne Infrastruktur nicht ersetzen. Auch die Ergebnisse der Hitzestudie München belegen, dass die Zufriedenheit mit dem Wohnumfeld die empfundene Hitzebelastung senkt. Je ruhiger also das Wohnumfeld desto geringer die Hitzebelastung. Diese Zufriedenheit ist maßgeblich von der Gestaltung des Umfelds geprägt. Dazu gehören Außenverschattungen, Gebäudebegrünungen sowie private Grüne- und Außenbereiche. Grüne Infrastruktur erhöht damit die Anpassungsfähigkeit der Bevölkerung an Hitze und Dichte. Schon kleine wohnungsnahe Grünflächen können dazu beitragen, den Dichtestress zu reduzieren, was wiederum für vulnerable Gruppen von Bedeutung ist. Deshalb braucht es eine bedarfsorientierte nutzerfreundliche Planung von Grün in Kombination mit blauer Infrastruktur. Zur Umsetzung entsprechender Maßnahmen stehen bereits zahlreichen formelle und informelle Planungsinstrumente zur Verfügung, die es zu nutzen und optimieren gilt. Allerdings spielen oftmals übergeordnete Aspekte eine Rolle, die der Umsetzung im Wege stehen. Angefangen von den verfügbaren Ressourcen (finanzielle, personelle Ressourcen oder Flächenressourcen), über eine Vielzahl an Planungsbeteiligten mit widerstreitenden Interessen bis hin zu Raumkonflikten mit Wohnungsbau und Verkehr. Schließlich ist es bei der Integration von Klimaanpassungs- und Klimaschutzmaßnahmen von Bedeutung diese frühzeitig, ganzheitlich und konsistent in den Planungsprozess einzubeziehen. 

Mit der abschließenden Frage „TRANSFORMATION by DESASTER or by DESIGN“ verdeutlichte Frau Dr. Linke, dass wir es jetzt in der Hand haben, unsere Städte so zu planen, dass wir zu einer grünen wünschenswerten Stadt der Zukunft gelangen.

Die Präsentation zum Download

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